Die Übernahmeschlacht um die Commerzbank ist in ihre entscheidende Phase getreten, ohne dass ein Sieger feststeht. Nach dem Ende der weiteren Annahmefrist am 3. Juli 2026 hält die UniCredit nach eigenen Angaben ein wirtschaftliches Engagement von 47,59 Prozent, das sich in 49,65 Prozent der Stimmrechte übersetzt. Damit steht die Mailänder Bank hauchdünn vor der Mehrheit, und doch fehlt ihr die Kontrolle, die sie sucht. Die kommenden Wochen, in denen Deutsche Bank und Commerzbank ihre Quartalszahlen vorlegen, werden zeigen, wie stabil das Ziel dieser Offerte wirklich ist.
Ein Angebot, das die Hälfte erreicht, aber nicht überzeugt
Rechnerisch ist die UniCredit am Ziel angekommen. Aus dem direkt gehaltenen Anteil von 26,77 Prozent, Finanzinstrumenten über 3,22 Prozent und den im Angebot eingereichten 17,60 Prozent ergibt sich das Paket von 47,59 Prozent. Weil eigene Aktien der Commerzbank nicht stimmberechtigt sind, entspricht das 49,65 Prozent der Stimmen.
Der Blick auf die Herkunft der eingereichten Papiere trübt das Bild. Weniger als zwei Prozent der angedienten Aktien stammten von unabhängigen institutionellen oder privaten Investoren. Der Großteil kam von Banken und mit der UniCredit verbundenen Parteien. Das unabhängige Aktionariat der Commerzbank hat das Angebot also weitgehend ignoriert, ein deutliches Signal, dass viele Anteilseigner auf die eigenständige Zukunft des Instituts setzen.
Die EZB hält den Schlüssel
Über den entscheidenden Schritt verfügt die UniCredit nicht selbst. Die Übertragung der eingereichten Aktien und der damit verbundenen Stimmrechte steht unter dem Vorbehalt der aufsichtsrechtlichen Freigabe. Mit einer Entscheidung der Europäischen Zentralbank wird im dritten Quartal gerechnet.
UniCredit-Chef Andrea Orcel erwartet, dass die EZB der Bank faktische Kontrolle über die Commerzbank zubilligt, selbst wenn sie unter der Schwelle von 50 Prozent bleibt. Dieser Weg hat einen Preis: Eine faktische Kontrolle ohne klare Mehrheit bindet nach Einschätzung von Fachleuten mehr Eigenkapital, als es eine saubere Stimmenmehrheit täte. Die EZB drängt seit Langem auf grenzüberschreitende Zusammenschlüsse im europäischen Bankensektor und könnte dem Vorhaben damit grundsätzlich gewogen sein.
Berlin stellt sich quer
Gegen die Aufsicht steht der zweitgrößte Anteilseigner. Der Bund, der über rund zwölf Prozent der Commerzbank verfügt, hat öffentlich bekräftigt, seine Beteiligung im Rahmen der Offerte nicht anzudienen. Damit ist ein Interessenkonflikt vorgezeichnet, in dem die Bundesregierung auf Distanz zu einem Zusammenschluss geht, während die EZB technisch das letzte Wort hat.
Für die UniCredit bedeutet die Haltung Berlins, dass ihr der Weg zu einer klaren Mehrheit über das öffentliche Angebot vorerst versperrt bleibt. Ohne die staatlichen Aktien bleibt die Marke von 50 Prozent außer Reichweite.
Was der UniCredit noch bleibt
Damit rücken andere Optionen in den Vordergrund. Die Bank könnte Teile ihrer Swap-Kontrakte anpassen und ihr rechnerisches Engagement auf bis zu 59 Prozent ausweiten. Möglich sind zudem Zukäufe über den Markt, sobald das Genehmigungsverfahren im kommenden Jahr abgeschlossen ist, oder direkte Gespräche mit der Commerzbank über eine einvernehmliche Lösung. Orcel hat wiederholt betont, Zeit auf seiner Seite zu haben.
Die Zinswende verändert die Rechnung
Die verbreitete Annahme, sinkende Leitzinsen setzten die Zinsüberschüsse der Banken unter Druck, trifft die aktuelle Lage nicht mehr. Der Lockerungszyklus der EZB hat im Juni 2025 bei einem Einlagensatz von 2,00 Prozent seinen Boden gefunden. Seit dem 17. Juni 2026 liegt der Satz wieder bei 2,25 Prozent, die erste Anhebung seit 2023. Auslöser waren gestiegene Energiepreise und Inflationsrisiken infolge des Nahost-Konflikts. Die nächste Ratssitzung steht am 24. Juli an, und die Märkte preisen für September eine weitere Straffung ein.
Für die Commerzbank ist das ein wichtiger Rückenwind. Höhere und länger stabile Zinsen stützen den Zinsüberschuss und damit genau jene Ertragskraft, mit der das Institut seine eigenständige Strategie und die zuletzt angehobenen Gewinnziele samt hoher Ausschüttungsversprechen untermauert. Je überzeugender die eigene Rendite, desto teurer wird der Zugriff für die UniCredit.
Die Quartalssaison als Bewährungsprobe
Den nächsten Härtetest liefert der Kalender. Die Deutsche Bank legt ihre Zahlen für das zweite Quartal am 29. Juli vor, die Commerzbank folgt mit dem Halbjahresbericht am 6. August. Noch liegen die Ergebnisse nicht vor, doch die Fragen stehen fest: Hält der Zinsüberschuss trotz des Margendrucks im Einlagengeschäft, und stützen Provisions- und Handelserträge sowie die Kostendisziplin die ausgegebenen Ziele?
Für die Commerzbank sind starke Zahlen mehr als eine Quartalsmomentaufnahme. Sie sind das wichtigste Argument im Abwehrkampf. Bestätigt das Institut seine Ertragskraft, festigt es die Erwartung, auch allein bestehen zu können. Enttäuscht es, wächst der Druck, sich der UniCredit zu öffnen.
Ausblick
Der Übernahmestreit wird die zweite Jahreshälfte prägen. Solange die EZB nicht entschieden hat, der Bund seine Sperrposition hält und die Zinswende die eigenständige Ertragskraft der Commerzbank stützt, bleibt die Offerte in der Schwebe. Die Quartalssaison gibt die Richtung vor, die endgültige Entscheidung aber fällt in Frankfurt und Berlin, nicht an der Börse.
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