Die schwarze Null war nie eine ökonomische Größe. Sie war ein Versprechen: Der Bund kommt ohne neue Schulden aus. Der Haushaltsentwurf für 2027, den das Kabinett in diesen Tagen beschließt, beerdigt dieses Versprechen endgültig – aber nicht dort, wo man hinsieht. Der Kernhaushalt bleibt formal an die Schuldenbremse gebunden. Die eigentliche Kreditaufnahme wandert daneben, in zwei Töpfe, die die Regel per Grundgesetz nicht mehr erfasst.

Das ist kein Übergangsphänomen einer einzelnen Krise. Es ist die Architektur, auf die sich der Bund für den Rest des Jahrzehnts festlegt. Wer Deutschlands Defizit weiter am Kernhaushalt abliest, misst die falsche Zahl.

Zwei Kanäle außerhalb des Kernhaushalts

Die Grundlage wurde im März 2025 gelegt. Der noch amtierende 20. Bundestag änderte das Grundgesetz und stimmte mit 512 Stimmen für ein Finanzierungspaket, das die Schuldenbremse an zwei Stellen aushebelt. Verkündet am 24. März 2025, in Kraft seit dem 25. März.

Erstens: Verteidigungs- und bestimmte sicherheitspolitische Ausgaben sind, soweit sie ein Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts übersteigen, von der Schuldenregel ausgenommen. Eine Obergrenze nach oben gibt es nicht. Was über der Ein-Prozent-Schwelle liegt, lässt sich vollständig auf Kredit finanzieren, ohne die Bremse zu berühren.

Zweitens: ein Sondervermögen über 500 Milliarden Euro für zusätzliche Investitionen in Infrastruktur und in die Klimaneutralität bis 2045 – kreditfinanziert, über zwölf Jahre, ebenfalls außerhalb der regulären Schuldenbremse. Hinzu kommt ein erweiterter Verschuldungsspielraum für die Länder von 0,35 Prozent des BIP.

Die Konstruktion ist sauber gebaut. Der Kernhaushalt hält die strukturelle Grenze von 0,35 Prozent des BIP nominell ein. Die Verschuldung, die den Unterschied macht, steht daneben. Das Defizit, das die Schuldenbremse meldet, ist damit nicht mehr das Defizit, das der Kapitalmarkt finanziert.

Was die Eckwerte schon zeigen

Man muss nicht auf die endgültigen Zahlen warten, um die Richtung zu sehen. Mit den Eckwerten für den Bundeshaushalt 2027, die das Kabinett am 29. April 2026 beschloss, hat das Bundesfinanzministerium den Rahmen bis 2030 abgesteckt. Die Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt liegt 2027 bei rund 110 Milliarden Euro. In der Finanzplanung steigt der Bundes-Kreditbedarf bis 2029 weiter, in Richtung 127 Milliarden Euro.

Diese Zahlen sind Planwerte, kein verabschiedeter Haushalt – der Regierungsentwurf konkretisiert sie erst jetzt, die endgültige Höhe der Nettokreditaufnahme 2027 ist offen. Aber zwei Dinge stehen schon fest. Erstens reicht selbst das nicht: Das BMF weist in den Finanzplanjahren einen globalen Minderausgabe-Bedarf aus – Lücken, die noch durch Einsparungen oder zusätzliche Kredite geschlossen werden müssen, zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr. Zweitens kommt das alles obendrauf auf die Verteidigungsausnahme und das Sondervermögen, die im Kernhaushalt gar nicht erst auftauchen.

Die schwarze Null war ein Versprechen. Das neue Regime ist eine Konstruktion, die das Versprechen formal einhält und es zugleich unterläuft.

Die ehrliche Lesart: Der Bund hat die strukturelle Schuldenbremse nicht abgeschafft, sondern um sie herumgebaut. Das Ergebnis ist mehr Bruttoemission deutscher Staatsanleihen, dauerhaft, und zwar unabhängig davon, welche Zahl am Ende unter dem Kernhaushalt steht.

Das Ende der Bund-Knappheit

Hier wird aus einer haushaltspolitischen Frage eine Marktfrage. Die Bundesanleihe war über ein Jahrzehnt das knappste sichere Wertpapier des Euroraums. Eine Regierung, die kaum neue Schulden machte, traf auf eine Notenbank, die im Rahmen ihrer Ankaufprogramme Bestände aufkaufte. Das Angebot war künstlich kurz. Genau diese Knappheit machte den Bund zur Referenz für den risikofreien Zins – und drückte seine Rendite zeitweise unter den Euro-Swapsatz, eine Anomalie, die es bei reichlichem Angebot nicht geben dürfte.

Das neue Regime dreht das Vorzeichen um. Aus dem strukturell knappen Emittenten wird ein struktureller Daueremittent. Sondervermögen und Verteidigungsausgaben erzeugen einen Strom neuer Anleihen, der nicht von einer einzelnen Konjunkturlage abhängt, sondern auf zwölf Jahre und länger angelegt ist. Die Knappheitsprämie, die Bundesanleihen teuer und ihre Rendite niedrig hielt, schmilzt – sichtbar bereits an den eingelaufenen Spreads zwischen Bund-Renditen und Swapsätzen seit der Grundgesetzänderung.

Mehr Angebot bei gegebener Nachfrage bedeutet einen höheren Gleichgewichtszins. Nicht als Schock, sondern als Verschiebung des Bodens: Der Preis, zu dem der sicherste Schuldner des Euroraums Geld aufnimmt, steigt strukturell.

Was das für den Euroraum heißt

Der Bund-Zins ist nicht irgendein Zins. Er ist die Basis, auf der der gesamte Euroraum bepreist wird. Italienische und französische Anleihen werden als Aufschlag auf den Bund gehandelt; Unternehmensanleihen, Hypothekenzinsen und Swapkurven hängen an derselben Kurve. Hebt sich der risikofreie Boden, hebt sich alles darüber.

Das hat zwei Seiten. Für Investoren, die ein Jahrzehnt lang über die Knappheit sicherer Sicherheiten klagten, ist mehr Bund-Angebot eine Erleichterung – tiefere, liquidere Märkte für Collateral. Für Schuldner – von der italienischen Staatskasse bis zum deutschen Mittelständler – verteuert ein höherer risikofreier Zins die Refinanzierung über die gesamte Laufzeitenstruktur.

Für die EZB verschiebt sich die Geometrie ihrer eigenen Politik. Eine Notenbank, die jahrelang gegen knappe Bundbestände ankämpfte, agiert künftig in einem Markt, in dem das Angebot reichlich ist. Das verändert, was Bilanzpolitik überhaupt bewirken kann.

Die Schlagzeile der nächsten Jahre wird die einzelne Defizitzahl sein, die der Kernhaushalt meldet. Das ist die falsche Zahl. Die relevante Größe ist die Bruttoemission des Bundes über alle Töpfe hinweg – und die ist, in der Architektur, auf die sich Deutschland gerade festlegt, dauerhaft hoch. Die schwarze Null ist nicht nur weg. Sie kommt, so wie der Haushalt 2027 gebaut ist, nicht zurück.