Eine stille Revolution beim Geld beschleunigt sich. Laut der Umfrage der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vom April 2026 befinden sich 134 Länder — die 98 % des weltweiten BIP repräsentieren — in einer aktiven Phase der Entwicklung digitaler Zentralbankwährungen (CBDCs), gegenüber 114 im Jahr 2023 und gerade einmal 35 im Jahr 2020. Zum ersten Mal haben mehr Nationen eine live oder fortgeschrittene CBDC-Pilotphase als nicht.
Der Katalysator ist bekannt: Bargeld stirbt. In Schweden macht physische Währung weniger als 6 % der Transaktionen aus. In Südkorea sind es 9 %. Selbst in den USA, wo die Treue zum Dollar tief verwurzelt ist, schätzt die Federal Reserve, dass die Bargeldzahlung auf unter 18 % der Kassenzahlungen gefallen ist — ein historisches Tief. Für Deutschland, wo Bargeld traditionell tief in der Zahlungskultur verankert ist, ist dieser Wandel besonders bedeutsam.
Deutschlands besondere Beziehung zum Bargeld
Deutschland gehört zu den bargeldfreudigsten Gesellschaften im westlichen Europa. Laut Bundesbank entfielen 2024 noch rund 51 % aller Transaktionen am Point of Sale auf Bargeld — deutlich mehr als in skandinavischen Ländern. „Nur Bares ist Wahres” ist mehr als ein Sprichwort; es spiegelt tiefverwurzelte Vorstellungen von Anonymität, Unabhängigkeit und Kontrolle wider.
Diese Präferenzen der deutschen Bevölkerung beeinflussen maßgeblich, wie der Digitale Euro konzipiert wird — und welche politische Akzeptanz er erwarten kann.
China gibt das Tempo vor — aber nicht den Maßstab
Chinas Digitaler Yuan (e-CNY) bleibt nach Transaktionsvolumen die weltweit am weitesten entwickelte CBDC einer großen Volkswirtschaft. Die Volksbank von China meldete im März 2026, dass die kumulierten e-CNY-Transaktionen 8 Billionen Yuan (ca. 1,1 Billionen Dollar) überschritten haben, bei über 500 Millionen aktiven Wallets.
Chinas Architektur hat in westlichen Demokratien ein Anti-Template geschaffen. Das e-CNY-System gibt der Volksbank detaillierte Einblicke in individuelle Transaktionen und die technische Möglichkeit, Ausgabebeschränkungen oder Verfallsdaten für Guthaben einzuführen — Merkmale, die im westlichen CBDC-Debatte zum Brennpunkt geworden sind und besonders in Deutschland angesichts der historischen Sensibilität gegenüber staatlicher Überwachung auf erheblichen Widerstand stoßen.
Der Digitale Euro: Europa zwischen Ambitionen und Datenschutz
Das Digitale-Euro-Projekt der Europäischen Zentralbank (EZB) trat Ende 2023 in seine formale Vorbereitungsphase ein und befindet sich seitdem in umfangreichen technischen Tests mit großen Banken der Eurozone. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat wiederholt ein Einführungsfenster von 2027–2028 genannt, vorbehaltlich der Genehmigung durch das Europäische Parlament, das in Datenschutzfragen noch gespalten ist.
Das Design des Digitalen Euro priorisiert Offline-Funktionalität — Transaktionen ohne Internetzugang, ein Merkmal, das insbesondere ländliche Regionen ansprechen soll — und eine monatliche Haltekapazität von 3.000 Euro pro Person, um eine Disintermediation der Banken zu verhindern. Geschäftsbanken, die intensiv gegen ungedeckelte Designs lobbyiert haben, haben das gedeckelte Modell weitgehend begrüßt.
Die Bundesbank spielt eine Schlüsselrolle in den technischen Tests des Digitalen Euro und hat wiederholt betont, dass Datenschutz und finanzielle Inklusion zentrale Designprinzipien sein müssen. Die Bundesbank-Präsidentin Joachim Nagel betonte, dass ein glaubwürdiges Datenschutzkonzept Voraussetzung für die Akzeptanz bei der deutschen Bevölkerung sei.
Schwellenländer bewegen sich am schnellsten
Die konsequenteste CBDC-Aktivität im Hinblick auf die Bevölkerungsreichweite findet außerhalb der G7 statt. Indiens Digitale Rupie-Pilotphase hat sich auf über 5 Millionen Nutzer bei 15 Banken ausgedehnt. Brasiliens DREX-Wholesale-CBDC-Rahmen gilt als technischer Maßstab für programmierbare Geld-Anwendungsfälle.
Privatsphäre, Macht und die Zukunft des Geldes
Die CBDC-Debatte kreist letztlich um eine Frage, die ebenso politisch wie technisch ist: Wer soll Einblick darin haben, wie Bürgerinnen und Bürger ihr Geld ausgeben?
In Deutschland hat diese Frage besondere Tiefenschärfe. Datenschutzbeauftragte, Bürgerrechtorganisationen und die FDP haben sich klar gegen CBDCs ausgesprochen, die staatliche Transaktionsüberwachung ermöglichen. Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit hat im Hinblick auf den Digitalen Euro gefordert, dass Offline-Transaktionen das gleiche Anonymitätsniveau wie Bargeld bieten müssen.
„Eine von einer autoritären Regierung ausgegebene CBDC und eine, die unter einem robusten Verfassungsrahmen ausgegeben wird, sind grundlegend verschiedene Instrumente, auch wenn die zugrundeliegende Technologie ähnlich ist”, sagte Dr. Esther Kim, Senior Fellow am GeoEconomics Center des Atlantic Council. „Die Architektur kodiert die Politik.”
Was klar ist: Die Ära rein physischen, anonymen Geldes endet. Das digitale Geld-Rennen geht nicht um das Ob — sondern darum, wer, wie und zu wessen Bedingungen.
Quellen: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Europäische Zentralbank, Volksbank China, Federal Reserve, Atlantic Council, Bundesbank.
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