Seit dem 1. Juli 2026 gilt in Deutschland, was im Rest der Europäischen Union längst Recht ist: Neobroker dürfen sich das Weiterleiten von Kundenaufträgen nicht mehr von Handelsplätzen vergüten lassen. Die deutsche Ausnahme vom EU-weiten Verbot des Payment for Order Flow (PFOF) ist ausgelaufen. Damit endet das Geschäftsmodell, das Trade Republic, Scalable Capital und ihre Wettbewerber groß gemacht hat – das provisionsfreie Wertpapiergeschäft für Privatkunden.
Es ist kein plötzlicher Schock. Das Datum stand seit Jahren fest. Aber es ist ein struktureller Bruch, und er trifft Deutschland härter als jeden anderen EU-Markt – aus einem einfachen Grund: Deutschland war das einzige Land, das die Ausnahme überhaupt in Anspruch genommen hat.
Was genau ausläuft
Die Grundlage ist Artikel 39a der überarbeiteten EU-Finanzmarktverordnung MiFIR. Die Vorschrift verbietet Wertpapierfirmen, für die Weiterleitung von Kundenaufträgen Zahlungen von Ausführungsplätzen anzunehmen. Sie erlaubte den Mitgliedstaaten jedoch, Firmen unter ihrer Aufsicht “bis zum 30. Juni 2026” von diesem Verbot auszunehmen (ESMA). Die Ausnahme galt nur für vor dem 28. März 2024 bestehende Vereinbarungen und nur für Kunden mit Wohnsitz im jeweiligen Mitgliedstaat.
Diese Übergangsfrist ist nun abgelaufen. Was als temporäre Schonzeit gedacht war, ist zu Ende.
Entscheidend ist die Sonderstellung Deutschlands. Nur die Bundesrepublik meldete der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA an, von der Ausnahme Gebrauch zu machen (The Industry Spread). Frankreich, die Niederlande, Italien und Spanien verzichteten – für deren Anleger war PFOF bereits seit 2024 unzulässig. Deutschland kaufte seinen Neobrokern zwei zusätzliche Jahre. Diese Frist ist aufgebraucht, und das Modell muss umgebaut werden, nicht angepasst.
Warum das Modell daran hängt
PFOF war der unsichtbare Motor des Gratis-Tradings. Der Broker stellte dem Kunden keine oder kaum Ordergebühren in Rechnung; verdient wurde an der Vergütung, die der ausführende Handelsplatz für den Auftragsfluss zahlte. Der Preis erschien dem Kunden als null. Er war es nie.
Mit dem Wegfall dieser Einnahmequelle stellt sich für die Neobroker die Frage, die jedes Plattformgeschäft irgendwann beantworten muss: Wer zahlt, wenn die Quersubvention versiegt? Es gibt im Kern zwei Antworten – den Kunden direkt belasten oder die Wertschöpfungskette selbst übernehmen.
Beide werden bereits erprobt. Im Januar 2026 erhielt eine Tochtergesellschaft von Trade Republic von der BaFin die Lizenz zum Betrieb eines multilateralen Handelssystems (MTF) (Finance Magnates). Damit kann der Broker Aufträge intern zusammenführen und an der Ausführung selbst verdienen, statt sich das Weiterleiten bezahlen zu lassen. Aus dem Vermittler wird ein Betreiber. Scalable Capital wiederum setzt seit Längerem auf ein Abo-Modell mit einer Stufe für 2,99 Euro im Monat – die direkte Belastung des Kunden, verpackt als Mitgliedschaft.
Wie groß die Lücke ist, lässt sich von außen schwer beziffern. Trade Republic gibt an, PFOF mache “weniger als 30 Prozent” der Erträge aus (Finance Magnates). Die Zahl stammt vom Unternehmen selbst, nicht aus einem geprüften Abschluss, und ist entsprechend mit Vorsicht zu lesen. Selbst wenn sie stimmt: Ein Wegbrechen von bis zu einem Drittel der Erlöse ist kein Randposten.
Die eigentliche Verschiebung
Der politische Zweck des Verbots war Anlegerschutz. Die Sorge der Aufseher: PFOF setzt einen Fehlanreiz, weil der Broker den Auftrag dorthin leitet, wo die Vergütung am höchsten ist – nicht zwingend dorthin, wo der Kunde den besten Preis bekommt. Das Verbot soll diesen Interessenkonflikt beseitigen.
Doch das Verbot löst den Konflikt nicht auf, es verlagert ihn. Übernimmt ein Broker über ein eigenes MTF selbst die Ausführung, entsteht eine neue Frage: Erhält der Kunde dort tatsächlich die beste Ausführung, oder optimiert die Plattform jetzt die eigene Marge an einer anderen Stelle der Kette? Der Interessenkonflikt wandert von der Auftragsweiterleitung in die Marktstruktur. Die Aufsicht hat ein Geschäftsmodell verboten – und schafft sich damit eine neue Aufgabe bei der Überwachung der Ausführungsqualität.
Für die Kunden bedeutet das Ende einer angenehmen Illusion. “Kostenlos” war der Handel nie; die Kosten waren nur verborgen. Künftig werden sie sichtbar – als Abogebühr, als Orderprovision oder als Spread im hauseigenen Handelssystem. Das ist transparenter. Billiger ist es nicht automatisch.
Folgen
Drei Konsequenzen zeichnen sich ab.
Erstens trennt der Wegfall die Anbieter nach Größe. Wer wie Trade Republic die Skalierung hat, ein eigenes Handelssystem zu betreiben, kann die verlorene Einnahme intern ersetzen. Kleinere Broker ohne diese Reichweite müssen die Kosten an die Kunden weiterreichen oder den Preiswettbewerb aufgeben. Der PFOF-Wegfall ist damit auch ein Konsolidierungstreiber.
Zweitens verschiebt sich der Wettbewerb von “umsonst” zu “wofür”. Solange der Handel gratis schien, war der Preis kein Differenzierungsmerkmal. Jetzt wird er wieder eines – und mit ihm die Ausführungsqualität, das Produktangebot und das Vertrauen. Das ist ein gesünderer Wettbewerb, aber ein unbequemerer für Anbieter, die sich allein über den Nullpreis definiert haben.
Drittens steht die Aufsicht vor mehr Arbeit, nicht weniger. Ein Verbot, das den Interessenkonflikt in die Marktstruktur verlagert, verlangt eine genauere Kontrolle der Best-Execution-Pflichten und der internen Handelssysteme. Der Erfolg der Reform bemisst sich nicht am Auslaufdatum, sondern daran, ob die Kunden in zwei Jahren tatsächlich bessere Ausführungen erhalten – oder nur eine neue, ebenso undurchsichtige Kostenstruktur.
Das Gratis-Trading war ein Marketingversprechen mit einem Verfallsdatum. Das Datum ist jetzt erreicht. Was bleibt, ist die ältere Wahrheit der Finanzmärkte: Liquidität und Ausführung kosten Geld. Die Frage war nie, ob jemand dafür zahlt, sondern wer – und ob er es sieht.
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