Der Kreditzyklus in Deutschland dreht, und die Bankenaufsicht richtet sich darauf ein. Nach Jahren historisch niedriger Ausfälle steigen die Firmeninsolvenzen wieder deutlich, die Quote notleidender Unternehmenskredite zieht an, und BaFin und Bundesbank prüfen im laufenden Jahr in einem eigenen Aufsichtsstresstest, wie gut kleine und mittelgroße Banken einen kräftigen Anstieg der Kreditausfälle verkraften würden. Es ist kein Kapitalregel-Streit, sondern das nüchterne Durchspielen eines Abschwungs, der in den Bilanzen bereits Spuren hinterlässt.
Der Ausgangspunkt liegt in der realen Wirtschaft. Das Statistische Bundesamt zählte in den ersten drei Quartalen 2025 rund 18.125 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 11,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Trend hielt bis zum Jahresende an: Allein im Dezember 2025 lagen die beantragten Regelinsolvenzen 15,2 Prozent über dem Vorjahresmonat. Hinter den Zahlen steht eine hartnäckige Konjunkturschwäche; die deutsche Wirtschaft kam 2025 kaum vom Fleck. Für die Banken bedeutet das: Mehr Schuldner geraten in Zahlungsverzug, mehr Engagements müssen als ausfallgefährdet eingestuft werden.
Die NPL-Quote zieht an, vor allem bei den kleineren Häusern
Wie sich das in den Büchern niederschlägt, zeigt die aktuelle Risikoeinschätzung der BaFin. In ihrer Publikation „Risiken im Fokus 2026” vom 28. Januar 2026 beziffert die Aufsicht die Quote notleidender Kredite (NPL-Quote) im Unternehmensgeschäft für das dritte Quartal 2025 auf 3,8 Prozent. Auffällig ist das Gefälle innerhalb des Bankensystems: Bei den weniger bedeutenden Instituten (Less Significant Institutions, LSIs) lag die Quote mit 4,26 Prozent spürbar höher als bei den direkt von der EZB beaufsichtigten bedeutenden Instituten mit 3,66 Prozent.
Das ist kein Zufall. Kleinere Sparkassen, Genossenschafts- und Regionalbanken sind stärker im regionalen Mittelstand engagiert, jenem Teil der Wirtschaft, der die Insolvenzwelle am unmittelbarsten spürt. Zwar bewegt sich die Ausfallquote insgesamt noch auf einem historisch moderaten Niveau. Doch die Aufsicht erwartet, dass der Anteil notleidender Kredite weiter steigt, wenn auch von einer vergleichsweise niedrigen Basis aus.
Bemerkenswert ist die Kehrseite: Ausgerechnet die kleineren Häuser mit unterdurchschnittlicher NPL-Quote wiesen laut BaFin eine überdurchschnittliche Deckungsquote aus: sie haben also relativ zum Volumen problematischer Kredite mehr Rückstellungen gebildet. Bei den bedeutenden Instituten war es umgekehrt: leicht überdurchschnittliche NPL-Quoten, aber unterdurchschnittliche Deckung. Der seit Ende 2023 zu beobachtende Trend steigender Kreditrisikovorsorge setzte sich 2025 fort, wenn auch mit abnehmender Geschwindigkeit.
„Das Risiko steigt, dass die Finanzstabilität einen Härtetest bestehen muss”
BaFin-Präsident Mark Branson brachte die Grundstimmung bei der Vorstellung des Berichts auf den Punkt: „Das Risiko steigt, dass die Finanzstabilität einen Härtetest bestehen muss.” Die Aufsicht kündigte an, die Kreditrisiken von Banken und Versicherern 2026 intensiv zu überwachen. Robuste Widerstandsfähigkeit und eine konsequente Risikovorsorge blieben gefordert.
Der Ton ist bewusst gewählt. Nach der Zinswende hatten viele Institute komfortable Erträge verbucht; nun mahnt die Aufsicht, diese Puffer nicht vorschnell auszuschütten, sondern gegen die absehbar steigenden Ausfälle vorzuhalten. Es geht weniger um harte Vorgaben als um die Erwartung, dass die Banken der Konjunkturlage mit ausreichender Vorsorge Rechnung tragen.
Der Stresstest wird konkret
Von der Beobachtung zur Prüfung: Kleine und mittelgroße Institute durchlaufen 2026 erneut den gemeinsamen Aufsichtsstresstest von BaFin und Bundesbank. Dessen Szenario unterstellt, so die Aufsicht ausdrücklich, „unter anderem einen signifikanten Anstieg der Kreditausfallrisiken”. Damit rückt genau jenes Risiko ins Zentrum, das die Konjunktur gerade real werden lässt.
Der Test startete am 1. April 2026 und erfasst rund 1.100 weniger bedeutende Institute. Gegenüber den Vorjahren nutzen die Aufseher eine überarbeitete, vereinfachte Methodik, die dem Proportionalitätsprinzip stärker Rechnung trägt: kleinere Häuser sollen nicht unverhältnismäßig belastet werden. Neben einer Umfrage zur erwarteten Ertragslage der kommenden drei Jahre prüft der eigentliche Stresstest die Widerstandsfähigkeit der Institute gegen widrige wirtschaftliche Entwicklungen in den Jahren 2026 bis 2028. Die Ergebnisse wollen BaFin und Bundesbank am 24. September 2026 in Frankfurt am Main vorstellen.
Warum das zählt
Der LSI-Stresstest ist keine akademische Übung. Er speist unmittelbar die aufsichtlichen Kapitalzuschläge (SREP) und damit den Spielraum der Institute, künftig Kredite zu vergeben. Fällt die Prüfung im Herbst schwach aus, könnte das die Kreditvergabe an den Mittelstand ausgerechnet dann dämpfen, wenn dieser sie am dringendsten braucht, ein prozyklischer Effekt, den die Aufsicht mit der frühen Vorsorgemahnung abzufedern versucht.
Für Anleger und Bankkunden bündeln sich damit im September gleich mehrere Fragen: Wie tief hat sich die Insolvenzwelle bereits in die Bücher gefressen, reichen die gebildeten Rückstellungen, und wie viel Gegenwind verträgt das dezentrale deutsche Bankensystem? Der Kreditzyklus hat gedreht. 2026 ist das Jahr, in dem sich zeigt, wie gut die Banken darauf vorbereitet waren.
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