Wenn eine Bank ins Wanken gerät, denken die meisten zuerst an faule Kredite. Doch es gibt eine zweite, leisere Schwachstelle in den Bilanzen deutscher Institute, und sie hat mit der Zahlungsfähigkeit der Schuldner nichts zu tun. Sie steckt in den Wertpapierbeständen des Anlagebuchs, in langlaufenden Bundesanleihen, Pfandbriefen und Schuldscheinen, deren Marktwert sank, als die Zinsen ab 2022 sprunghaft stiegen. Diese unrealisierten Kursverluste heißen im Aufsichtsjargon stille Lasten. Sie tauchen in keiner Gewinn- und Verlustrechnung auf, solange die Papiere bis zur Fälligkeit gehalten werden. Genau deshalb behält die Aufsicht sie so genau im Blick.
Warum die Verluste still bleiben
Der Mechanismus ist eine Frage der Bilanzierung. Einen großen Teil ihres Zinsbuchs führen Sparkassen, Genossenschafts- und Regionalbanken zu fortgeführten Anschaffungskosten, nicht zum Marktwert. Ein Papier, das die Bank 2021 zu hundert Cent kaufte und das heute nur noch neunzig wert ist, steht weiter mit hundert in den Büchern. Der Verlust ist real, aber unrealisiert: Er wird erst schlagend, wenn die Bank das Papier vor Fälligkeit verkaufen muss, etwa weil sie kurzfristig Liquidität braucht. Solange sie durchhält, kehrt der Kurs bis zur Rückzahlung zu hundert zurück, und die stille Last löst sich auf.
Das Risiko ist damit ein anderes als bei einem Kreditausfall. Ein Firmenkredit, der platzt, ist endgültig verloren. Eine stille Last ist nur dann ein Problem, wenn ein Institut zum falschen Zeitpunkt zum Verkäufer wird. Der Zusammenbruch der kalifornischen Silicon Valley Bank im März 2023 lieferte die Blaupause: Ein Einlagenabzug zwang die Bank, ihr Anleiheportfolio mit Verlust zu liquidieren, und aus stillen Lasten wurden über Nacht reale. Für die deutsche Aufsicht ist das Szenario die Mahnung, Zinsrisiko und Liquidität zusammen zu denken.
Die Frühwarnschwelle bei fünfzehn Prozent
Gemessen wird das Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch nach einem festen Verfahren. Das BaFin-Rundschreiben 06/2019 verpflichtet jedes Institut, den Barwert seines Zinsbuchs regelmäßig gegen sechs vorgegebene Zinsszenarien zu rechnen: eine Parallelverschiebung der Zinskurve nach oben und nach unten, eine Versteilung, eine Verflachung sowie je einen Kurzfristschock nach oben und unten. Hinzu kommt der klassische aufsichtliche Zinsschock von plus und minus 200 Basispunkten aus der europäischen Eigenkapitalrichtlinie.
Entscheidend ist die Relation zum Kapital. Übersteigt der Barwertverlust im ungünstigsten der sechs Szenarien fünfzehn Prozent des Kernkapitals, gilt ein Institut als Bank mit erhöhtem Zinsänderungsrisiko. Es rückt damit in den Fokus der Aufsicht, muss die Ursachen erläutern und gegebenenfalls sein Risikoprofil anpassen. Die Schwelle ist kein Automatismus für höhere Kapitalanforderungen, aber ein Alarmsignal, das die Aufseher nicht ignorieren.
Was die Bundesbank in den Büchern sieht
Wie verbreitet die stillen Lasten sind, zeichnet der Finanzstabilitätsbericht der Bundesbank nach. In der Ausgabe vom 6. November 2025 stellten die Währungshüter fest, dass der Anteil der Sparkassen und Genossenschaftsbanken mit stillen Lasten in ihren Anlagebüchern deutlich gestiegen ist. In der Phase kräftig steigender Zinsen hatten sich diese Verluste in den Wertpapierbeständen aufgebaut; mit dem späteren Rückgang der Renditen bildeten sie sich zum Teil wieder zurück. Doch der Anstieg der langfristigen Zinsen, gerade am langen Ende der Kurve, hält das Thema präsent. Auch die Versicherer sitzen weiterhin auf erheblichen stillen Lasten aus der Zinswende.
Für die kleineren Häuser ist das eine strukturelle Frage. Anders als große, marktnah bilanzierende Banken halten sie ihre Zinsbücher überwiegend bis zur Fälligkeit und finanzieren sie mit stabilen Kundeneinlagen. Das macht sie gegen kurzfristige Marktschwankungen robust, bindet sie aber zugleich eng an das Zinsniveau: Steigt es, wächst die stille Last, und der Spielraum für Notverkäufe schrumpft.
Der Stresstest als eine Quelle unter mehreren
In die Prüfung fließt das Zinsrisiko über den gemeinsamen Aufsichtsstresstest von BaFin und Bundesbank ein, ist dort aber nur ein Faktor. Im zurückliegenden Test von 2024 verfügten die rund 1.200 geprüften kleinen und mittelgroßen Institute nach einem Kapitalrückgang von 3,7 Prozentpunkten im Stressszenario noch über eine harte Kernkapitalquote von 14,5 Prozent. Der laufende Test 2026, gestartet am 1. April und mit vereinfachter, stärker proportionaler Methodik, erfasst erneut rund 1.100 Institute. Seine Ergebnisse wollen die Aufseher am 24. September 2026 in Frankfurt vorstellen; sie fließen in die Eigenmittelempfehlung ein.
Doch der Stresstest ist nur eine Momentaufnahme unter mehreren Instrumenten. Die eigentliche Daueraufsicht über das Zinsrisiko läuft über die vierteljährliche Meldung der Barwertänderungen und die Frühwarnschwelle. Sie greift unabhängig davon, ob gerade ein Stresstest läuft.
Warum das zählt
Das Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch ist die dritte Achse, an der die Aufsicht die kleineren Banken 2026 misst, neben der Governance nach der neuen MaRisk und dem Kreditrisiko aus Gewerbeimmobilien. Anders als diese beiden hängt es nicht am Verhalten der Schuldner, sondern an der Zinskurve und an der Liquidität des Instituts. Es ist der Teil des Risikos, der still bleibt, solange niemand verkaufen muss, und der genau dann laut wird, wenn es am ungünstigsten ist. Die Aufsicht sorgt mit der Fünfzehn-Prozent-Schwelle dafür, dass sie die Institute mit dem größten Puffergefälle kennt, bevor der Markt sie dazu zwingt.
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