Sponsored

Das Kapitalmuster ist die eigentliche Nachricht

Mehr Wettbewerb im Bankgeschäft geht nicht automatisch mit sichereren Krediten einher. Ein neues Arbeitspapier aus der Working Paper Series der Europäischen Zentralbank findet den Zusammenhang vor allem dort, wo Banken vergleichsweise viel regulatorisches Kapital halten. Bei Instituten am unteren Ende der Kapitalverteilung ist der geschätzte Vorteil schwach oder nicht vorhanden.

Das ist enger als die eingängige These, Wettbewerb mache Banken sicherer. Die Autoren untersuchen einen bestimmten Mechanismus: Niedrigere Zinsen auf neue Unternehmenskredite könnten die Rückzahlungsfähigkeit der Kreditnehmer verbessern und damit spätere Kreditausfälle begrenzen. Sie prüfen nicht, ob intensiver Wettbewerb die Stabilität einer Bank insgesamt erhöht. Das Arbeitspapier Nr. 3285 trägt zudem den üblichen Hinweis, dass seine Ergebnisse nicht die Position der EZB wiedergeben.

146 Banken, drei Maße für Kreditprobleme

Die Untersuchung nutzt vertrauliche Aufsichtsdaten zu 146 Banken aus 19 Ländern des Euroraums. Der Zeitraum reicht vom zweiten Quartal 2020 bis zum dritten Quartal 2025. Im Zentrum stehen neu vergebene Kredite an nichtfinanzielle Unternehmen, nicht Immobilienfinanzierungen von Haushalten oder Konsumentenkredite. Die später beobachtete Kreditqualität messen die Autoren anhand der Quote notleidender Kredite, der Stage-3-Quote nach Rechnungslegungsvorschriften und der regulatorischen Ausfallquote. Datengrundlage und Abgrenzung beziehen sich durchgehend auf Unternehmenskredite.

Wettbewerb wird nicht über die Zahl der Banken oder deren Marktanteile gemessen. Stattdessen berechnen die Autoren einen risikobereinigten Lerner-Index für die Preisbildung bei neuen Krediten. Er vergleicht den Kreditzins mit geschätzten Grenzkosten, zu denen Refinanzierungskosten und erwartete Kreditverluste zählen. Ein höherer Index steht für mehr Preissetzungsmacht und damit weniger Wettbewerbsdruck. Umgekehrt gilt ein fallender Index als Zunahme des Wettbewerbs.

Die Schätzung verknüpft dieses Maß mit den drei späteren Risikoquoten und berücksichtigt das Kapital der jeweiligen Bank. Alle erklärenden Variablen gehen mit zwei Quartalen Verzögerung ein. Die Autoren verwenden eine zweistufige Difference-GMM-Schätzung mit internen Instrumenten, Bankeffekten und Zeiteffekten. Dieses Verfahren soll Persistenz und mögliche Rückkopplungen berücksichtigen. Es macht aus den Daten aber kein natürliches Experiment und rechtfertigt deshalb keine kausale Aussage. Die Methodenbeschreibung spricht ausdrücklich von Difference-GMM.

77 Basispunkte ergeben sich erst am oberen Rand

Der zentrale Befund liegt im Zusammenspiel von Wettbewerb und Kapital. Für Tier-1-Kapital und Gesamtkapital sind die Interaktionsterme in den Basisschätzungen positiv und statistisch signifikant. Weil ein niedrigerer Lerner-Index mehr Wettbewerb bedeutet, zeigt dieses Vorzeichen: Je höher die Kapitalquote, desto stärker ist mehr Wettbewerb mit niedrigeren späteren Risikoquoten verbunden. Für hartes Kernkapital, also CET1, weist die Schätzung zwar in dieselbe Richtung, ist aber nicht statistisch signifikant.

Die wirtschaftliche Größenordnung zeigt sich erst am 90. Perzentil der Tier-1-Quote. Dort beträgt der geschätzte marginale Effekt des Lerner-Index 0,0193 für die Quote notleidender Kredite, ebenfalls 0,0193 für Stage 3 und 0,0218 für die Ausfallquote. Eine Standardabweichung der Veränderung innerhalb einer Bank liegt beim Lerner-Index je nach Stichprobe nahe 0,40. Die Multiplikation ergibt rund 0,0077, 0,0077 und 0,0087. Eine Zunahme des Wettbewerbs um eine solche Standardabweichung ist damit in der Schätzung mit Rückgängen um ungefähr 77, 77 und 87 Basispunkte verbunden. Die Marginaleffekte und Konfidenzintervalle bestätigen diese Rechnung.

Am 10. Perzentil der Tier-1-Verteilung sind die geschätzten Marginaleffekte dagegen leicht negativ und statistisch nicht von null zu unterscheiden. Auch am Median bleiben sie ohne statistische Signifikanz. Die Studie belegt daher keinen einheitlichen Risikovorteil für alle Banken. Ihre Aussage lautet vielmehr, dass der beobachtete Zusammenhang vom Kapitalpolster abhängt.

Die ökonomische Erklärung der Autoren setzt an zwei gegenläufigen Kanälen an. Intensiverer Wettbewerb kann Kreditzinsen senken und damit die Schuldentragfähigkeit von Unternehmen verbessern. Zugleich kann er Bankmargen drücken. Ein größeres Kapitalpolster könnte es einer Bank erleichtern, diesen Ertragsdruck auszuhalten, ohne ihre Kreditstandards zu lockern oder riskantere Geschäfte zu suchen. Bei einer schwächer kapitalisierten Bank könnte derselbe Margendruck den möglichen Vorteil niedrigerer Kreditzinsen überlagern. Die Regressionen sind mit dieser Erklärung vereinbar, beobachten den vollständigen Entscheidungsprozess der Banken aber nicht. Auch der angenommene Mechanismus bleibt deshalb eine Interpretation des Musters, kein separat nachgewiesener Wirkungspfad.

Der Robustheitstest senkt die Gewissheit

Eine zusätzliche Prüfung berücksichtigt, dass Banken desselben Landes gemeinsamen Schocks ausgesetzt sein können. Dafür führen die Autoren einen Wild-Cluster-Bootstrap auf Länderebene mit 19 Ländergruppen und 9.999 Ziehungen durch. Die Interaktion bleibt in allen neun Varianten positiv, doch die statistische Präzision nimmt ab.

Bei Tier-1-Kapital liegen die p-Werte für notleidende Kredite und Stage 3 dann bei 0,086 und 0,070. Für Gesamtkapital betragen sie 0,090 und 0,088. Diese vier Ergebnisse erreichen nur die 10-Prozent-Schwelle. Erst bei der Ausfallquote bleiben die Interaktionen für Tier-1- und Gesamtkapital mit p-Werten von 0,027 und 0,026 auf dem 5-Prozent-Niveau signifikant. Die drei CET1-Interaktionen sind auch in diesem Test nicht signifikant. Der Länder-Robustheitstest stützt damit das Richtungsmuster, aber nicht überall eine starke statistische Gewissheit.

Andere Prüfungen liefern ähnliche Vorzeichen bei veränderten Instrumenten, engerer Behandlung von Ausreißern und alternativen Konstruktionen des Lerner-Index. Ein Placebotest mit zukünftigen Wettbewerbswerten findet keine systematische umgekehrte zeitliche Beziehung. Solche Tests reduzieren Einwände, beseitigen aber nicht jede Möglichkeit unbeobachteter Einflussfaktoren.

Was deutsche Banken daraus nicht ableiten können

Für den deutschen Markt ist das Papier relevant, weil deutsche Institute Teil des einheitlichen Aufsichtsrahmens und des untersuchten Euroraums sind. Es weist jedoch keine eigenen Schätzwerte für Deutschland aus. Aus den Ergebnissen lässt sich deshalb weder eine besondere Wirkung bei deutschen Banken noch eine aktuelle Änderung der Aufsichtspolitik ableiten.

Ebenso bleibt die andere Seite des Wettbewerbs unvermessen. Niedrigere Kreditpreise können Margen und Profitabilität belasten. Das Papier isoliert den Kreditnehmerkanal, erfasst aber nicht vollständig, wie Margendruck, Ertragskraft und Risiken außerhalb des Kreditbuchs zusammenwirken. Es sagt auch nichts über Haushaltskredite oder die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems als Ganzes.

Der praktische Befund ist deshalb bedingt, nicht pauschal: In dieser Stichprobe war mehr Wettbewerb vor allem bei gut kapitalisierten Banken mit weniger späteren Problemen im Unternehmenskreditbuch verbunden. Kapital erscheint damit nicht nur als Puffer gegen Verluste. Es könnte auch bestimmen, ob Banken Preisdruck in günstigere Kreditbedingungen übersetzen können, ohne die Kreditqualität zu verschlechtern. Für eine allgemeine Empfehlung zur Wettbewerbs- oder Kapitalpolitik reicht ein Arbeitspapier mit diesem Zuschnitt jedoch nicht aus.

DE Regional Journalist
Covers: German finance, technology, regulation

Felix Wagner covers German finance, technology and regulation for Clarqo's DE edition, with a focus on bank supervision, BaFin, the Bundesbank and operational resilience.