Die deutsche Außenhandelsbilanz zeigt im ersten Halbjahr 2026 ein Bild, das sich mit der gewohnten Erzählung vom Exportweltmeister nicht mehr recht deckt. Zwar legten die Ausfuhren nach den nun vom Statistischen Bundesamt (Destatis) vorgelegten detaillierten Ergebnissen um 3,9 Prozent auf 817,8 Milliarden Euro zu. Doch die Einfuhren wuchsen mit 4,7 Prozent auf 712,1 Milliarden Euro schneller. Unter dem Strich sank der Außenhandelsüberschuss von 106,4 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2025 auf 105,7 Milliarden Euro. Der Rückgang fällt mit 0,7 Prozent gering aus, doch seine Richtung ist der eigentliche Befund: Deutschland verkauft mehr, verdient am Außenhandel aber netto weniger.
Die Zahlen bestätigen und schärfen die vorläufige Schätzung vom 7. August. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum nahmen die Ausfuhren absolut um 31,0 Milliarden Euro zu, die Einfuhren um 31,7 Milliarden. Der Mehrimport übersteigt den Mehrexport damit nicht nur prozentual, sondern auch in absoluten Beträgen. Das ist keine konjunkturelle Laune eines einzelnen Monats, sondern der Halbjahrestrend.
China wird zum größten Partner, aber als Lieferant
Am deutlichsten lässt sich die Verschiebung an der Rangfolge der Handelspartner ablesen. Gemessen am gesamten Warenumsatz, also Aus- und Einfuhren zusammen, war China mit 125,5 Milliarden Euro im ersten Halbjahr Deutschlands wichtigster Handelspartner. Die Vereinigten Staaten rückten mit 123,7 Milliarden Euro auf den zweiten Platz, die Niederlande folgten mit 109,3 Milliarden.
Der Spitzenplatz Chinas beruht jedoch nicht auf deutscher Exportstärke, im Gegenteil. Die Ausfuhren nach China brachen um 12,2 Prozent auf 36,4 Milliarden Euro ein, während die Einfuhren aus China um 8,8 Prozent auf 89,1 Milliarden Euro stiegen. Das deutsche Handelsdefizit mit China weitete sich dadurch von 40,5 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum auf 52,7 Milliarden Euro aus. China ist für die deutsche Wirtschaft immer stärker Lieferant und immer weniger Absatzmarkt.
Die USA vor dem Zoll
Auch das Geschäft mit den Vereinigten Staaten hat sich gedreht. Die deutschen Ausfuhren in die USA gingen im ersten Halbjahr um 6,1 Prozent auf 73,1 Milliarden Euro zurück, die Einfuhren von dort legten dagegen um 7,0 Prozent auf 50,6 Milliarden Euro zu. Ein wesentlicher Teil dieser Bewegung liegt im Zollstreit begründet. Seit dem 1. Juli gilt für Einfuhren aus der Europäischen Union in die USA ein Zollsatz von 15 Prozent. Der Juni war damit der letzte Monat vor Inkrafttreten, und in den Monatsdaten schlug sich das bereits nieder: Die Ausfuhren in die USA sackten im Juni gegenüber Mai um 14,2 Prozent ab, nachdem Unternehmen ihre Lieferungen zuvor vorgezogen hatten. Das zweite Halbjahr dürfte zeigen, wie dauerhaft der Zoll auf die transatlantischen Warenströme wirkt.
Stabiler zeigt sich das Geschäft im europäischen Binnenmarkt, der für die deutsche Ausfuhr weiter das Rückgrat bildet. In die Länder der Europäischen Union gingen im Juni Waren im Wert von 79,3 Milliarden Euro, ein Plus von 1,3 Prozent gegenüber dem Vormonat. Während die Warenströme in die großen Drittländer stark schwanken, dämpfen die engen Lieferbeziehungen innerhalb der EU die Ausschläge. Genau diese Nähe macht den Binnenmarkt in einem Halbjahr, in dem China und die USA belasten, zum ruhenden Pol der deutschen Handelsbilanz.
Das Auto verliert, die Elektronik trägt
Der Blick auf die Warengruppen offenbart, wo die Schwäche sitzt. Ausgerechnet die Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile, traditionell das Aushängeschild der deutschen Exportwirtschaft, waren mit Ausfuhren von 124,7 Milliarden Euro zwar weiter die größte Position, verloren aber 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Maschinen, die zweitgrößte Gruppe, gaben mit 107,7 Milliarden Euro leicht um 0,9 Prozent nach.
Getragen wurde das Exportplus vor allem von einer Gruppe: Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse legten um 9,5 Prozent auf 73,1 Milliarden Euro zu. Die chemischen Erzeugnisse kamen mit 71,6 Milliarden Euro und einem Plus von 1,4 Prozent auf einen moderaten Zuwachs. Dass der Anstieg der Gesamtausfuhren überhaupt zustande kam, verdankt sich damit weniger den klassischen Industriesäulen als der Elektronik.
Auf der Importseite spiegelt sich dasselbe Muster. Auch hier zählten Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile mit 77,1 Milliarden Euro, ein Plus von 3,7 Prozent, sowie Datenverarbeitungsgeräte mit 75,6 Milliarden Euro, ein Plus von 10,0 Prozent, zu den größten Posten. Die deutsche Industrie führt zunehmend Elektronik und Vorprodukte ein, deren fertige Pendants sie früher selbst in die Welt lieferte.
Einordnung
Für sich genommen ist ein um 0,7 Prozent kleinerer Halbjahresüberschuss keine Zäsur. In der Summe der Einzelbefunde aber verdichtet sich ein struktureller Umbruch: schneller wachsende Einfuhren, ein wegbrechendes Chinageschäft auf der Absatzseite, ein durch Zölle belastetes US-Geschäft und eine Autoindustrie, die ihren Exportvorsprung nicht mehr ausbaut. Der deutsche Handelsüberschuss ist noch immer beträchtlich. Doch er speist sich aus einem Außenhandel, dessen Zusammensetzung sich schneller verändert, als die Schlagzeile vom Exportplus vermuten lässt.
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