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Der große Wert misst Absicht, nicht Ausgabe

Unternehmen im Euroraum wollen im Durchschnitt 9 Prozent ihrer gesamten Investitionen für künstliche Intelligenz einsetzen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde rundete den Wert in einer Rede vom 14. September auf rund 10 Prozent. Das ist eine große Zahl, aber noch kein Ausgabennachweis.

Die zugrunde liegende Unternehmensbefragung SAFE wurde von Oktober bis Dezember 2025 erhoben. Gefragt wurde nach dem Anteil der Investitionen, den die Firmen in den folgenden zwölf Monaten für KI einplanen. Der Wert beschreibt damit Erwartungen bis Ende 2026. Ob Bestellungen, Lizenzen, Rechenleistung oder neue Prozesse tatsächlich in diesem Umfang bezahlt und eingeführt werden, zeigt die Erhebung nicht.

Auch der Durchschnitt verdeckt große Unterschiede. Firmen ohne bisherige KI-Nutzung planten 4 Prozent, Unternehmen mit moderater Nutzung 11 Prozent und intensive Nutzer 20 Prozent. Bei den intensiven Nutzern kamen kleine und mittlere Unternehmen sogar auf 21 Prozent, Großunternehmen auf 17 Prozent. Das geplante KI-Budget der Firmen im Euroraum konzentriert sich damit ausgerechnet dort, wo die Technik bereits tiefer im Betrieb steckt.

Verbreitung ist nicht dasselbe wie Integration

Auf Beschäftigtenebene sieht der Durchbruch zunächst umfassend aus. Die monatliche Verbraucherumfrage der EZB umfasst rund 20.000 Menschen in elf Ländern des Euroraums. In der Auswertung für 2026 gaben 52 Prozent der Beschäftigten an, KI bei der Arbeit zu nutzen. 2024 waren es 26 Prozent, 2025 bereits 41 Prozent. Nutzer berichteten im Median von drei gesparten Arbeitsstunden pro Woche.

Die Firmenbefragung misst jedoch etwas anderes: nicht den gelegentlichen Zugriff einzelner Beschäftigter, sondern die Intensität der betrieblichen Nutzung. Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen meldeten zwar, dass Beschäftigte KI verwenden. Nur 7 Prozent bezeichneten die Nutzung aber als intensiv. Weitere 31 Prozent nannten sie moderat, 33 Prozent sehr selten oder experimentell. Die EZB leitet daraus ab, dass KI in vielen Unternehmen noch nicht in betriebliche Abläufe eingebettet ist.

Die Werte widersprechen sich deshalb nicht. Ein Mitarbeiter kann einen Textassistenten regelmäßig öffnen, während Beschaffung, Produktion, Kundenservice und Controlling unverändert bleiben. Für die Produktivität einer ganzen Firma ist entscheidend, ob sie Arbeitsabläufe neu organisiert, Daten zugänglich macht, Verantwortlichkeiten klärt und die frei werdende Zeit in zusätzliche Leistung übersetzt.

Der Abstand zu den USA ist eine Frage der Tiefe

Auch beim Vergleich mit den Vereinigten Staaten müssen die Messinstrumente getrennt bleiben. Eine harmonisierte Befragung von Beschäftigten in den USA und sechs europäischen Ländern erfasste Anfang 2026 die Nutzung generativer KI. 43 Prozent der US-Beschäftigten und durchschnittlich 32 Prozent der europäischen Beschäftigten meldeten eine Nutzung im Beruf. In den USA entfielen 5,2 Prozent aller Arbeitsstunden auf KI. Das war etwa doppelt so viel wie in Großbritannien, Schweden und den Niederlanden und mehr als dreimal so viel wie in Deutschland, Frankreich und Italien.

Diese 32 Prozent dürfen nicht von den 52 Prozent aus der EZB-Verbraucherumfrage abgezogen werden. Länderabdeckung, Zeitpunkt und Frageformulierung unterscheiden sich. Belastbar ist der Intensitätsvergleich nur innerhalb der harmonisierten Sieben-Länder-Erhebung. Er zeigt für Deutschland nicht bloß weniger Nutzer, sondern vor allem weniger KI-Zeit je gesamter Arbeitszeit.

Ein Viertel des Kreditwachstums ist kein Verwendungsnachweis

Lagarde nannte noch ein zweites starkes Signal: KI-bezogene Kreditaufnahme habe nach einer Schätzung des EZB-Stabs rund ein Viertel zum Wachstum der Unternehmenskredite im ersten Quartal 2026 beigetragen. Die veröffentlichte Rede liefert zu dieser aktualisierten Schätzung jedoch keine Definition oder Berechnung.

Die bislang veröffentlichte EZB-Methodik zur Kreditaktivität teilt NACE-Wirtschaftszweige in zwei getrennten Auswertungen in Quartile ein: einmal nach der Intensität ihrer KI-Nutzung, einmal nach dem Volumen KI-bezogener Patentanmeldungen. Ein Kredit an ein Unternehmen aus einer jeweils so klassifizierten Branche kann damit KI-bezogen sein, ohne dass sein Erlös für ein Modell, einen Server oder eine Lizenz bestimmt ist. Ob Lagardes neuer Viertelwert auf einer dieser Einteilungen, auf beiden oder auf einer anderen Methodik beruht, legt die EZB in der neueren Rede nicht offen. Der Viertelwert beweist deshalb nicht, wofür jeder zusätzliche Euro verwendet wurde.

Dazu passt die jüngste SAFE-Runde für das zweite Quartal 2026. Von den Firmen mit geplanten KI-Investitionen nannten 72 Prozent interne Mittel als Finanzierungsquelle, aber nur 16 Prozent Bankkredite oder Kreditlinien. Mehrfachnennungen waren möglich. Bankfinanzierung spielt also eine Rolle, ist für die breite Gruppe der Anwender aber nicht der Hauptkanal.

Die Nachfragewirkung bleibt eine offene Messfrage

Der bislang fehlende gesamtwirtschaftliche Nachweis ist ebenfalls kein Gegenbeweis. Ein EZB-Modell zur Zerlegung von Inflation und Nachfrage nutzt Daten von Januar 2007 bis Mai 2026. Für den Euroraum insgesamt findet es noch keinen allgemeinen Nachfrageschub durch private Investitionen, der sich KI zurechnen ließe. Die Autoren schließen Effekte in einzelnen Ländern oder Branchen ausdrücklich nicht aus.

Die September-Projektionen des EZB-Stabs blicken dagegen nach vorn. Sie erwarten, dass Ausgaben für KI das Investitionswachstum in späteren Jahren stützen. Zugleich dürfte der Euroraum von der globalen Nachfrage nach KI-Gütern weniger profitieren als andere Wirtschaftsräume, weil sein Sektor für solche Güter kleiner ist. Rückblickende Zerlegung und vorausschauende Projektion beantworten damit verschiedene Fragen.

Für deutsche Unternehmen zählt der Umbau

Der nächste belastbare Fortschrittswert ist deshalb nicht ein noch höheres Budget. Er ist der Übergang von Werkzeugen zu Prozessen. In der SAFE-Runde vom zweiten Quartal planten 49 Prozent der Firmen Investitionen in KI-Technik und Werkzeuge, 46 Prozent in Schulungen, 40 Prozent in Daten und Infrastruktur, aber nur 12 Prozent in zusätzliche KI-Fachkräfte. Auch hier waren Mehrfachnennungen möglich.

Für deutsche Unternehmen ist die Verteilung besonders aussagekräftig. Lizenzen lassen sich schnell beschaffen. Schwieriger sind kompatible Datenbestände, Schulungen, Betriebsvereinbarungen, Risikokontrollen und die Neugestaltung von Abläufen. Genau dort entscheidet sich, ob ein Pilot zum Produktionsmittel wird.

Die KI-Verbreitung im Euroraum ist real. Ebenso real ist das geplante Investitionsvolumen. Noch offen bleibt, wie viel davon tatsächlich abfließt, wie tief die Technik in Kernprozesse gelangt und ob daraus zusätzliche Nachfrage und Produktivität entstehen. Bis diese Größen messbar steigen, beschreibt jeder zehnte geplante Investitions-Euro vor allem Ambition, nicht Wirkung.

DE Regional Journalist
Covers: German finance, technology, regulation

Felix Wagner covers German finance, technology and regulation for Clarqo's DE edition, with a focus on bank supervision, BaFin, the Bundesbank and operational resilience.