25 Maßnahmen, neue Megawatt bleiben ungezählt
Die Bundesregierung meldet Fortschritt bei ihrer Rechenzentrumsstrategie, kann den Weg von 2.980 auf mindestens 5.960 MW IT-Anschlussleistung aber noch nicht in einer öffentlichen Projektbilanz zeigen.
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Ein Fortschrittsbericht ohne Kapazitätsstand
Sechs Monate nach dem Beschluss ihrer Rechenzentrumsstrategie meldet die Bundesregierung Bewegung: 25 von 28 Maßnahmen seien gestartet, vier davon abgeschlossen und fünf im parlamentarischen Verfahren. Der am 17. September aktualisierte Maßnahmenmonitor des Bundesdigitalministeriums belegt tatsächlich viele laufende Verfahren. Er zeigt aber nicht, wie viele Megawatt seit März vertraglich gesichert, gebaut oder in Betrieb genommen wurden.
Das ist die entscheidende Lücke. Die Nationale Rechenzentrumsstrategie setzt für 2030 ein messbares Ziel: Die IT-Anschlussleistung soll sich gegenüber 2025 mindestens verdoppeln. Ausgangspunkt sind geschätzte 2.980 MW, darunter knapp 500 MW für KI und Hochleistungsrechnen. Daraus folgen mindestens 5.960 MW insgesamt und rund 2.000 MW im KI- und HPC-Bereich. Im Zwischenmonitor steht für keine Maßnahme, welchen zusätzlichen Anteil an diesen Zielwerten sie bereits liefert.
Gerade beim KI-Ziel ist auch der Nenner erklärungsbedürftig. Dieselbe Strategie verweist in einer Fußnote auf eine Deloitte-Schätzung von 1,6 GW für grundsätzlich KI-fähige Rechenzentren, während sie für tatsächlich KI- oder HPC-genutzte Kapazität mit knapp 500 MW arbeitet. Eine Vervierfachung kann je nach Abgrenzung deshalb sehr unterschiedliche Ausbauvolumen bedeuten. Der Zieltext spricht von der Anschlussleistung von KI-Rechenzentren, legt im Fortschrittsbericht aber nicht offen, wie gemischt genutzte Cloud-Rechenzentren, reservierte Leistung oder spätere Umrüstungen gezählt werden. Eine belastbare Zeitreihe braucht nicht nur eine Zahl, sondern eine konstante Definition.
28 Maßnahmen erscheinen als 29 Statuszeilen
Schon die Zählweise braucht Erklärung. Die Strategie bündelt die Zuschüsse zu EEG- und Netzkosten in einer Maßnahme. Das Zwischenmonitoring teilt sie in zwei Statuszeilen. Deshalb enthält die Tabelle 29 Zeilen zu den offiziell 28 Maßnahmen: 22 stehen auf „in Bearbeitung“, drei auf „in Vorbereitung“ und vier tragen eine grüne Kennzeichnung als abgeschlossen. Zieht man die drei vorbereiteten Zeilen ab, bleiben 26 laufende oder abgeschlossene Statuszeilen. Weil der Monitor die gemeinsame Maßnahme zu EEG- und Netzkostenzuschüssen in zwei Zeilen führt, entsprechen sie 25 gestarteten Strategiemaßnahmen. Das ist eine Verfahrenszählung, keine Leistungsbilanz.
Auch die fünf Parlamentsfälle beruhen nur auf vier Gesetzespaketen. Das Netzanschlusspaket deckt zwei Maßnahmen ab, je eine für Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber. Hinzu kommen die Novellen des Energieeffizienzgesetzes und des Telekommunikationsgesetzes sowie der neue Gewerbesteuer-Zerlegungsmaßstab im Entwurf des Einkommensteuerreformgesetzes 2027. Alle vier Vorlagen haben das Kabinett passiert, sind laut Monitor aber noch im parlamentarischen Verfahren. Ein Kabinettsbeschluss verändert noch keinen Netzanschluss und ersetzt kein abgeschlossenes Genehmigungsverfahren.
Die übrigen laufenden Punkte reichen von Branchenarbeit bis EU-Verhandlungen. BDEW und VKU erstellen ein Muster für flexible Netzanschlussvereinbarungen. ACER moderiert Arbeiten an europäischen Anschlussregeln. Zwei Verbändedialoge zur Eigenversorgung haben stattgefunden. Ein Leitfaden für Kommunen liegt den Ländern zur Prüfung vor, ein Praxischeck mit Nordrhein-Westfalen ist für den 9. Oktober angesetzt. Daneben verweist der Bund mehrfach auf Verhandlungen zum Cloud and AI Development Act, den Chips Act 2.0 und weitere europäische Vorhaben. Das sind konkrete Instrumente und Termine. Zusätzliche IT-Anschlussleistung weisen sie noch nicht aus.
„Abgeschlossen“ bedeutet nicht fertig gebaut
Die vier grünen Markierungen verdienen denselben Test. Als abgeschlossen gilt erstens die Fortführung des Bundeszuschusses zu den EEG-Kosten. Der zweite Teil derselben Strategiemaßnahme, der Zuschuss zu den Netzkosten, bleibt jedoch in Bearbeitung. Zweitens wurde der Ausbau des Nationalen Hochleistungsrechnens beschlossen: Bund und Länder stellen 2027 bis zu 62,5 Millionen Euro bereit, der Bund zusätzlich bis zu 30,7 Millionen Euro von 2026 bis 2030. Die mit derselben Zeile verbundenen Datenökosysteme befinden sich teilweise noch in der Beschaffung.
Drittens wurde das Forschungsprojekt AnoMed-RZ zur Cyberresilienz bewilligt. Es läuft laut Monitor vom 1. März 2026 bis Ende 2027. Viertens ist eine souveräne KI-Cloud für die Bundesverwaltung abrufbar. Damit sind Finanzierung, Projektstart oder Dienstverfügbarkeit dokumentiert. Nur der NHR-Punkt zielt unmittelbar auf zusätzliche KI-Rechenkapazität, doch auch dort nennt der Statusbericht weder neu installierte IT-Megawatt noch einen Beitrag zum Vierfachziel.
Der Bund kennt Projekte, veröffentlicht aber keine Inventur
Eine Antwort der Bundesregierung an den Bundestag vom 31. Juli erklärt die fehlende Brücke. Eine umfassende Liste aller geplanten und im Bau befindlichen Rechenzentren existiere nicht. Der Bund kenne zwar einzelne, teils nicht öffentliche Projekte, könne Angaben aus vertraulichen Gesprächen wegen Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen aber nicht offenlegen. Das erste Monitoring der quantitativen Zielerreichung soll erst zum Ende der laufenden Legislaturperiode erfolgen.
Öffentliche Einzelprojekte zeigen zugleich, dass der Ausbau nicht bloß aus Ankündigungen besteht. 50Hertz hat mit Vantage eine Anschlussleistung von 300 MW vertraglich vereinbart, in der Endausbaustufe sind 500 MW geplant. Der Übertragungsnetzbetreiber will bis 2029 Anschlüsse für neue Rechenzentren mit insgesamt rund 2 GW realisieren. Für den Virtus-Campus in Wustermark besteht ein weiterer Anschlusserrichtungsvertrag über 300 MW.
Diese Zahlen schließen die Bundeslücke nicht. Elektrische Netzanschlussleistung und IT-Anschlussleistung sind wegen Kühlung und weiterer Gebäudetechnik nicht identisch. Zudem ist die 2-GW-Angabe regional, enthält künftige Anschlüsse und sagt nicht, welcher Anteil gegenüber dem 2025er Bestand zusätzlich zählt. Eine bundesweite, nach Projektstand bereinigte Umrechnung auf 5.960 MW fehlt.
Der Strombedarf wächst vor der Erfolgskontrolle
Während die Kapazitätsbilanz vertagt wird, ist der Energiepfad bereits groß. Laut Bundestagsantwort verbrauchten Rechenzentren und kleinere IT-Installationen 2025 rund 21,3 TWh Strom. Für 2030 werden 31 TWh prognostiziert, für 2045 bereits 80 TWh. Der Entwurf des Netzentwicklungsplans berücksichtigt für 2037 und 2045 aufgrund gemeldeter Anschlussleistungen sogar eine Bandbreite von 78 bis 116 TWh.
Die Netze sind dabei nicht beliebig verfügbar. Die Strategie selbst nennt knappe Anschlusskapazitäten, besonders in bestehenden Clustern, und lange Anschlusszeiten als Ausbauhemmnisse. 50Hertz weist in seinen Informationen zum Netzanschluss darauf hin, dass neue Projektstarts wegen bereits unterbreiteter Reservierungsangebote voraussichtlich erst ab 2029 möglich sind. Der Betreiber nutzt seit April ein Reifegradverfahren, um knappe Kapazität nicht mehr allein nach Antragseingang zu vergeben.
Die Halbjahresbilanz zeigt damit Verwaltungstempo, aber noch keinen belastbaren Kapazitätsfortschritt. Für eine überprüfbare 2030-Bilanz braucht es jährlich mindestens vier Werte: zusätzliche IT-Anschlussleistung in Betrieb, vertraglich gesicherte Leistung mit Inbetriebnahmedatum, den davon auf KI und HPC entfallenden Anteil sowie eine klare Trennung zwischen Netzanschluss und nutzbarer IT-Leistung. Solange diese Reihe fehlt und die erste quantitative Prüfung bis zum Ende der Legislatur wartet, misst die Zahl 25 vor allem Aktivität der Ressorts. Ob Deutschland seinem Verdoppelungsziel näherkommt, bleibt öffentlich ungezählt.
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