Die Auftragseingänge im deutschen Verarbeitenden Gewerbe sind im Juni real um 3,1 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen, kalender- und saisonbereinigt. Auf den ersten Blick ist das ein kräftiger Schub. Doch die Zahl trügt. Rechnet man die stark schwankenden Großaufträge heraus, gingen die Bestellungen um 0,5 Prozent zurück. Das Plus in der Schlagzeile stammt also nicht aus einer breiten Nachfrage, sondern aus wenigen Großbestellungen etwa aus dem Flugzeug-, Schiff- oder Bahnbau. Der eigentliche Unterbau des Auftragsbuchs, das Tagesgeschäft der Industrie, ist im Juni geschrumpft.
Im Jahresvergleich lag der Auftragseingang real um 6,5 Prozent höher, kalenderbereinigt. Auch dieser Wert speist sich vor allem aus dem Inland, wo die Bestellungen um 7,8 Prozent zulegten, während die Auslandsaufträge mit plus 0,2 Prozent nahezu stagnierten. Hinter dem blassen Auslandswert verbirgt sich eine tiefe Spaltung. Aus der Eurozone brachen die Bestellungen um 14,0 Prozent ein, von außerhalb des Währungsraums kamen dagegen 10,2 Prozent mehr Aufträge. Der Einbruch aus den Nachbarländern ist ein Warnsignal, denn er trifft die enge europäische Lieferkette, auf die die deutsche Industrie besonders angewiesen ist. Dass die Bestellungen von außerhalb der Eurozone zugleich zweistellig zulegten, deutet weniger auf eine breite Erholung als auf einzelne, kapitalintensive Aufträge hin, die den Monatswert überzeichnen.
Noch stärker bröckelt der Befund beim Blick zurück. Der Mai galt als der Monat, in dem das Auftragsbuch wieder ins Positive drehte, ursprünglich mit plus 1,9 Prozent. Nach einer Anpassung der Preisbereinigung revidierte Destatis diesen Wert auf nur noch plus 0,3 Prozent. Damit fällt der Anker weg, an dem die These einer beginnenden Erholung hing. Aus zwei kräftigen Zuwächsen in Folge werden ein schwaches Mai-Plus und ein Juni, dessen Anstieg allein auf Großaufträgen ruht.
Der Auftragseingang gilt als der wichtigste Frühindikator für die deutsche Industrieproduktion, weil er die künftige Auslastung der Fabriken abbildet, bevor sie sich in Umsatz und Beschäftigung niederschlägt. Aussagekräftig ist die Reihe jedoch nur über mehrere Monate, denn einzelne Großaufträge können einen Monatswert kräftig verzerren. Genau deshalb weist Destatis den Wert auch ohne Großaufträge aus, und genau dieser bereinigte Wert erzählt im Juni die ehrlichere Geschichte.
Wie schwankungsanfällig die Reihe ist, zeigt der Blick auf die jüngsten Monate. Im März waren die Bestellungen real um 5,0 Prozent gestiegen, im April um 3,8 Prozent gefallen, ehe der Mai nach der Revision nur noch knapp im Plus lag. In diesem Zickzack ist ein einzelner Monatswert wenig wert. Der Juni sollte den Test liefern, ob der Mai der Beginn einer breiter getragenen Erholung war. Die Antwort fällt ernüchternd aus, denn ohne Großaufträge steht ein Minus.
Diese Frage hat Gewicht, weil die deutsche Konjunktur auf dünnem Eis steht. Das Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal laut Schnellmeldung nur um 0,2 Prozent zu. In einem so schmalen Wachstum ist die Industrie die Größe, die den Ausschlag zwischen Stagnation und Erholung geben kann. Ein tragfähig anziehendes Auftragsbuch wäre das Signal, dass die Fabriken im zweiten Halbjahr wieder hochfahren. Ein Plus, das allein von Großaufträgen lebt, liefert dieses Signal nicht.
Der eigentliche Konflikt liegt zudem woanders. Die Nachfrage entfaltet sich gegen einen spürbaren Kreditgegenwind. Der Bank Lending Survey der EZB vom 21. Juli zeigte für das zweite Quartal per saldo straffere Vergabestandards bei Unternehmenskrediten, und die deutschen Banken verschärften die Standards überdurchschnittlich. Investitionen in neue Aufträge werden damit teurer und schwerer finanzierbar, gerade im Mittelstand, der den Unterbau des Auftragsbuchs bildet. Ein Umfeld, in dem breit gestreute Bestellungen zurückgehen und nur einzelne Großprojekte tragen, passt genau zu diesem Bild.
Über allem steht die Geldpolitik. Die EZB hat den Einlagensatz am 23. Juli einstimmig bei 2,25 Prozent belassen, nachdem sie ihn am 17. Juni angehoben hatte. Der Kurs ist restriktiv, und die Märkte preisen für die September-Sitzung eher einen weiteren Schritt nach oben als eine Lockerung ein. Für die Notenbank ändert ein Auftragsplus, das sich bei genauem Hinsehen als Minus entpuppt, nichts an der Lage.
Für die kommenden Wochen verschiebt der Juni die Beweislast zurück auf die Optimisten. Wer auf eine sich selbst tragende Industrieerholung setzt, muss nun erklären, warum das Auftragsbuch ohne einige wenige Großbestellungen schrumpft und warum der Mai-Anker nach der Revision kaum noch trägt. Die Schlagzeile von plus 3,1 Prozent liest sich wie eine Erholung. Der bereinigte Wert von minus 0,5 Prozent liest sich wie das, was die deutsche Industrie derzeit tatsächlich erlebt: ein mühsames Ringen um jeden Auftrag, gegen straffere Kredite und eine Notenbank, die keinen Anlass zur Lockerung sieht.
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