Googles neues Finnland-Paket klingt zunächst nach einer einfachen Gleichung: 13 Milliarden Euro für KI-Infrastruktur, dazu Kernkraft, Windenergie und ein Batteriespeicher. Die veröffentlichten Vertragsdaten stützen nur eine engere Aussage. Der Stromabnahmevertrag verschafft Fortum Erlössicherheit für den Weiterbetrieb eines bestehenden Kernkraftwerks. Zusätzliche Nennleistung soll er dagegen nur in kleinem Umfang ermöglichen. Gleichzeitig nennt Google weder den künftigen Betriebsstrombedarf seiner Rechenzentren noch deren standortgenaue Anschlussdaten.
Damit ist die Vereinbarung mehr als eine bloße Umwidmung vorhandenen CO2-armen Stroms, aber weniger als der Nachweis eines vollständig mitwachenden Energieportfolios. Für deutsche Rechenzentrumsbetreiber, Energieversorger und finanzierende Banken ist genau diese Trennlinie relevant: Ein langfristiger Stromvertrag kann eine Erzeugungsquelle wirtschaftlich erhalten, ohne zu belegen, dass neue Rechenlast zeitgleich durch neue gesicherte Leistung gedeckt wird.
50 Prozent der Kraftwerkskapazität erst ab 2030
Der 22-jährige Stromabnahmevertrag, auf Englisch Power Purchase Agreement oder PPA, beginnt nach Fortums Mitteilung im Jahr 2028 mit einem kleineren Umfang. Erst von 2030 bis 2049 soll er 50 Prozent der Kapazität des Kernkraftwerks Loviisa erreichen. Die Formulierung „22 Jahre lang die Hälfte von Loviisa“ wäre deshalb für die ersten beiden Vertragsjahre falsch.
Loviisa besteht aus zwei Blöcken mit derzeit jeweils 507 Megawatt elektrischer Leistung. Auf Basis der heutigen Nennleistung entspräche die Hälfte 507 Megawatt. Fortum nennt aber keine absolute vertragliche Megawattgrenze und plant weitere Leistungssteigerungen. Zudem ist der Anteil eine Kapazitätsangabe, keine veröffentlichte stündliche Lieferkurve. Das Kraftwerk erzeugt laut Fortum derzeit rund acht Terawattstunden Strom pro Jahr. Die Hälfte davon wäre als reine Größenordnung etwa vier Terawattstunden. Daraus lässt sich jedoch weder eine garantierte Jahresmenge noch Googles Verbrauch ableiten.
Der zeitliche Verlauf ist entscheidend. Die Betriebsgenehmigungen der beiden Blöcke waren ursprünglich bis Ende 2027 beziehungsweise 2030 befristet. Die finnische Regierung genehmigte 2023 den Weiterbetrieb bis 2050. Fortum beziffert das Investitionsprogramm dafür auf rund eine Milliarde Euro. Für rund 80 Prozent der Projekte und etwa 700 Millionen Euro der erforderlichen Kapitalausgaben stehen noch Investitionsentscheidungen aus. Der Google-Vertrag soll Fortum die Erlössicherheit geben, die Investitionen für die gesamte Laufzeitverlängerung fortzuführen.
Google trägt damit zur Finanzierung von Stromerzeugung bei, die ohne das Verlängerungsprogramm nach 2030 wegfallen würde. Gegenüber dem Stilllegungsszenario bleibt also zusätzliche Erzeugung verfügbar. Es entsteht aber kein neues Kernkraftwerk. Durch die neue Vereinbarung sollen nach Fortums Angaben zehn Megawatt Nennleistung hinzukommen. Weitere 38 Megawatt stammen aus einer bereits 2024 angekündigten Turbinenmodernisierung, die 2028 wirksam werden soll. Fortum hatte dieses Projekt schon vor dem Google-PPA vergeben. Nur die zusätzlichen zehn Megawatt verknüpft der Konzern ausdrücklich mit dem neuen Vertrag.
13 Milliarden Euro sind kein ausgewiesenes Energiebudget
Google will nach eigener Ankündigung in den Jahren 2027 und 2028 mindestens 13 Milliarden Euro in Finnland investieren. Das Paket umfasst digitale Infrastruktur, Rechenzentren und unterstützende Infrastruktur sowie Partnerschaften in Hamina, Kajaani, Muhos und Vaala. Es ist kein gesondert ausgewiesenes Strombudget.
Die Aufteilung bleibt offen. Google nennt 31 Millionen Euro für kommunale Programme über vier Jahre, davon zehn Millionen Euro für Forschung und Innovation. Für den Loviisa-Vertrag, die Windabnahme, den Batteriespeicher, Netzanbindungen und Naturprojekte veröffentlicht das Unternehmen keine einzelnen Investitionssummen. Deshalb wäre es irreführend, die 13 Milliarden Euro dem Kernkraftvertrag oder dem gesamten Energieportfolio zuzurechnen. Der im PPA vereinbarte Strompreis ist ebenfalls nicht bekannt.
Auch der Inbetriebnahmeplan der Rechenzentren bleibt grob. Google setzt die anfängliche Bauphase für 2027 und 2028 an. Wann die Anlagen an den vier Standorten ans Netz gehen, wann sie ihre volle Auslastung erreichen und wie viele Megawatt sie dann beziehen, steht in den Veröffentlichungen nicht.
Batterie und Wind lösen andere Aufgaben
Klarer abgrenzbar ist ein Batteriesystem mit 94 Megawatt Leistung nahe dem neuen Standort Kajaani. Google hat das System unter Vertrag genommen, Fortum soll es optimieren, und die Inbetriebnahme ist für Ende 2027 vorgesehen. Nach Googles Darstellung soll der Speicher das Netz ausgleichen und Preisschwankungen dämpfen. Seine Energiekapazität in Megawattstunden nennt das Unternehmen allerdings nicht. Ohne diese Zahl bleibt offen, wie lange er seine volle Leistung abgeben kann.
Hinzu kommen zwei neue Verträge für Windparks von Valorem und Suomen Hyötytuuli. Sie erhöhen die von Google in Finnland unterstützte, neu ans Netz gebrachte Windkapazität auf insgesamt 629 Megawatt. Das ist laut Googles Energiekonzept für Finnland zusätzliche Erzeugung. Nicht offengelegt werden jedoch die Leistung der beiden neu angekündigten Projekte und ihre Inbetriebnahmedaten. Google arbeitet außerdem daran, sein Windportfolio für Fingrids Reservemärkte nutzbar zu machen. Das beschreibt einen geplanten nächsten Schritt, keine bereits zugesagte Verfügbarkeit.
Die genannten Megawatt lassen sich deshalb nicht einfach addieren. Kernkraft kann weitgehend stetig erzeugen, Wind schwankt, und eine Batterie verschiebt Energie nur über ihre Speicherdauer. Ein belastbarer Abgleich müsste die stündliche Rechenzentrumslast, die Erzeugungsprofile, die Speicherreichweite und die jeweiligen Netzanschlüsse auf derselben Zeitachse zeigen.
Google verweist zwar auf eine Untersuchung mit einem hypothetischen zusätzlichen Leistungsbedarf von einem Gigawatt im Raum Oulu und Kajaani. Eine Fußnote stellt ausdrücklich klar, dass dieser Wert nur der Modellierung dient. Er ist keine Prognose für Googles eigene Standorte. Fingrid erklärt in der Unternehmensmitteilung, im erzeugungsstarken Norden sei erhebliche Netzkapazität für neue Stromabnehmer vorhanden. Das beantwortet die Systemfrage, aber nicht die Lastfrage des Käufers.
Ein Finanzierungsmodell mit Transparenzlücke
Das Urteil fällt daher zweigeteilt aus. Google übernimmt nicht von Vertragsbeginn an die Hälfte der Kapazität eines unveränderten Bestandskraftwerks. Der Vertrag steigt erst an und unterstützt ab 2030 den Weiterbetrieb einer Anlage, die sonst aus dem Markt ausscheiden könnte. Fortum erwartet zudem zehn Megawatt zusätzliche Kernkraftleistung, Google nennt neue Windverträge und einen konkret terminierten Batteriespeicher.
Nicht belegt ist dagegen, dass diese Bausteine im Takt mit der neuen KI-Last wachsen. Dafür fehlen der Leistungsbedarf der Rechenzentren, ihre Anschlussdaten, die Größe der neu hinzugekommenen Windprojekte und die Speicherdauer der Batterie. Wer in Deutschland ähnliche PPA-Modelle bewertet, sollte deshalb vier Zahlen getrennt verlangen: erhaltene Bestandsleistung, tatsächlich neue Leistung, zeitlich gesicherte Flexibilität und die dazu passende Lastkurve. Das finnische Gesamtpaket liefert für die ersten drei Kategorien wichtige Anhaltspunkte. Bei der vierten bleibt Google die entscheidende Zahl schuldig.
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